El arte de ser feliz
El arte de ser feliz Man könnte sagen, daß ein großer Teil der Lebensweisheit beruht auf dem richtigen Verhältnis, in welchem wir unsre Aufmerksamkeit teils der Gegenwart, teils der Zukunft schenken, damit nicht die eine uns die andre verderbe. Viele leben zu sehr in der Gegenwart (die Leichtsinnigen), andre zu sehr in der Zukunft (die Ängstlichen und Besorglichen), selten wird einer grade das Maß halten. Die, welche durch Streben nur in der Zukunft leben, immer vorwärts sehn und mit Ungeduld den kommenden Dingen entgegeneilen, als welche allererst das wahre Glück bringen werden, die Gegenwart inzwischen ungenossen und unbeachtet vorbeiziehn lassen, diese gleichen dem Italienischen Esel Tischbeins, mit seinem an einem Strick vorgebundenem Heubündel, welches seinen Schritt beschleunigt. Sie leben stets nur ad interim, bis sie tot sind. Die Ruhe der Gegenwart darf höchstens durch solche Übel gestört werden, die selbst gewiß sind und deren Zeitpunkt ebenfalls gewiß ist. Das sind aber höchst wenige: denn entweder sie sind selbst bloß möglich, allenfalls wahrscheinlich, oder sie sind gewiß, aber ihr Zeitpunkt völlig unbestimmt, z. B. der Tod. — Wollen wir uns auf diese beiden Arten einlassen, so haben wir keinen ruhigen Augenblick mehr. Um nicht die Ruhe unsres ganzen Lebens an ungewisse oder unbestimmte Übel zu verlieren, müssen wir uns gewöhnen, jene anzusehen, als kämen sie nie, und diese, als kämen sie gewiß nicht jetzt.
