El arte de ser feliz
El arte de ser feliz 2Der erste Satz der Eudämonologie ist eben, daß dieser Ausdruck eine Euphemie ist und daß «glücklich leben» nur bedeuten kann, möglichst wenig unglücklich, oder kurz, erträglich leben. Man könnte sehr wohl den Satz behaupten, daß das Fundament der wahren Lebensweisheit im Satz des Aristoteles darin bestehe, daß man, ganz unbekümmert um die Genüsse und Annehmlichkeiten des Lebens, einzig und allein bedacht sei, allen zahllosen Übeln desselben zu entgehn, so weit es möglich ist. Sonst müßte Voltaire’s Satz le bonheur n’est qu’un rêve, et la douleur est réelle so falsch sein, wie er in der Tat wahr ist. Sehr vieles Unglück stammt eben aus Unwissenheit hierin, welche durch den Optimismus begünstigt wird. Der Jüngling glaubt, die Welt sei gemacht, um genossen zu werden, sei ein Wohnsitz des Glücks, welches nur die verfehlen, denen es an Geschick gebricht zu suchen: hierin bestärken ihn Romane, Gedichte und die Gleisnerei, welche die Welt mit dem äußern Schein durchgängig und überall treibt.3 Von nun an ist sein Leben eine (mit mehr oder weniger Überlegung angestellte) Jagd nach dem positiven Glück, welches natürlich aus positiven Genüssen bestehn soll. Die Gefahr des Unglücks, der man sich dabei aussetzt, muß übernommen werden, denn auf Erlangung positiven Glücks und Genusses ist das Leben abgesehn. Die Jagd nach einem Wilde, was gar nicht existiert, führt ihn in der Regel zu dem sehr realen und positiven Unglück. — Dagegen ist der Weg der Lebensweisheit dieser, daß man ausgeht von der Überzeugung, daß alles Glück und Genuß nur negativer Natur sei, der Schmerz und Mangel dagegen realer und positiver Art. Von nun an ist der ganze Plan des Lebens auf Vermeidung von Schmerz und Entfernung von Mangel gerichtet; und da läßt sich etwas ausrichten, mit einiger Sicherheit aber erst dann, wann der Plan nicht gestört wird durch das Streben nach der Chimäre des positiven Glückes. Eine Bestätigung hievon ist die Grundmaxime Mittlers in den Wahlverwandtschaften. Der Tor läuft den Genüssen des Lebens nach und sieht sich betrogen: denn die Übel, denen er aus dem Wege ging, sind höchst real: und ging er ihnen etwa zu weit aus dem Wege und gab manche Genüsse unnötiger Weise auf; so ist nichts davon verloren: denn alle Genüsse sind chimärisch: es wäre klein und lächerlich, über versäumte Genüsse zu trauern.4
